Softe Migration komplexer TYPO3-Alt-Systeme mittels Application Gateway

Die Migration eines Content-Management-Systems gehört zu den anspruchsvolleren Projekten in der digitalen Transformation. Besonders bei gewachsenen TYPO3-Installationen mit hunderten Extensions, individuellen Anpassungen und jahrelanger Historie wird der Systemwechsel zur Herausforderung.
Das Problem mit der Blackbox-Entwicklung
Der traditionelle Weg einer CMS-Migration folgt meist einem bekannten Muster: Ein Projektteam entwickelt monatelang das neue System hinter verschlossenen Türen. Anforderungen werden zu Beginn definiert, Konzepte werden erstellt, dann wird entwickelt. Währenddessen läuft das alte TYPO3-System weiter und muss parallel gepflegt werden. Jede inhaltliche Änderung, jede neue Funktion muss doppelt umgesetzt werden – einmal im Live-System und einmal in der Entwicklungsumgebung des neuen CMS. Diese Blackbox-Entwicklung erzeugt mehrere kritische Probleme. Die Entwicklungszeit zieht sich über Monate hin, während das Business nicht stillsteht. Neue Anforderungen entstehen, Prioritäten verschieben sich, aber das Projekt läuft nach dem ursprünglichen Plan weiter. Am Ende steht dann der gefürchtete "Hau-Ruck"-Moment: das Go-Live. An einem Stichtag wird umgeschaltet, und plötzlich zeigt sich, ob alles funktioniert – oder eben nicht. Erst jetzt bekommen echte Nutzer das System zu Gesicht. Probleme, die in der Testumgebung nicht auffielen, zeigen sich im Live-Betrieb. Edge Cases, an die niemand gedacht hat, treten auf. Die Abnahme wird zum Mammutprojekt, weil alles auf einmal geprüft werden muss.
Der alternative Ansatz: Application Gateway für schrittweise Migration
Es geht auch anders. Statt eines Big-Bang-Relaunches ermöglicht ein Application Gateway eine schrittweise, risikoarme Migration. Altes und neues CMS laufen gleichzeitig, und Funktionen werden Stück für Stück auf das neue System übertragen. Technisch wird dies durch ein Application Gateway realisiert. Diese Infrastrukturkomponente sitzt vor beiden Systemen und entscheidet anhand definierter Regeln, welches System für welche Anfrage zuständig ist. Zunächst bedient das alte TYPO3-System noch den Großteil der Website. Dann wird beispielsweise die Startseite migriert und über das neue System ausgespielt. In der nächsten Iteration folgen weitere Bereiche – der Blog, dann die Produktseiten, schließlich komplexere Funktionen wie Formulare oder integrierte Applikationen. Bei Problemen lässt sich ein Bereich schnell wieder auf das alte System zurückrouten, ohne die gesamte Website zu gefährden. Das Application Gateway fungiert dabei als intelligenter Vermittler, der Session-Handling, Cookie-Management und URL-Routing nahtlos zwischen beiden Systemen aufeinander abstimmt.
Konkrete Vorteile im Projektalltag
Iteratives Vorgehen auch bei Komplexität: Statt alles auf einmal migrieren zu müssen, kann nach Priorität und Risiko vorgegangen werden. Kritische Bereiche mit komplexen Extensions werden später angegangen, unkritische Content-Seiten zuerst.
Sanfte Migration: Der Kunde macht sich schrittweise mit dem neuen System vertraut, Schulungen können gestaffelt werden. Redakteure gewöhnen sich Schritt für Schritt an neue Workflows, während das alte TYPO3-System nur noch für die verbleibenden Bereiche gepflegt werden muss.
Ohne Einschränkung für Benutzer: Die URL-Struktur bleibt identisch, das Look & Feel konsistent. Niemand merkt, dass im Hintergrund zwei verschiedene Systeme arbeiten. Das verhindert Verwirrung und negative Auswirkungen auf SEO-Rankings.
Flexible Priorisierung: Stellt sich während der Migration heraus, dass ein bestimmter Bereich dringender ist als ursprünglich gedacht, kann schnell umdisponiert werden. Neue Business-Anforderungen lassen sich flexibel einarbeiten, ohne das gesamte Projekt umwerfen zu müssen.
Technische Umsetzung
In der Praxis kommen verschiedene Technologien als Application Gateway zum Einsatz: Nginx mit lua-Erweiterungen, moderne Service Meshes wie Istio, oder spezialisierte Lösungen wie Varnish, HAProxy oder Traefik. Entscheidend ist die Fähigkeit, basierend auf URL-Patterns, Header-Informationen oder anderen Request-Eigenschaften intelligent zwischen Backend-Systemen zu routen. Die Konfiguration erfolgt über Routing-Regeln, die definieren, welche Pfade auf welches System gemappt werden. Diese Regeln können während der Migration kontinuierlich angepasst werden, ohne dass Downtimes, also Systemausfälle, entstehen.
Fazit: Risikominimierung durch Inkrementalität
CMS-Migrationen von komplexen TYPO3-Installationen müssen keine Hochrisikoprojekte sein. Durch ein Application Gateway und schrittweise Migration lassen sich die typischen Stolpersteine vermeiden. Real-World-Feedback kommt früh, Probleme werden in überschaubaren Einheiten entdeckt und gelöst. Bei Netresearch verwenden wir diesen Ansatz, wenn die technischen und organisatorischen Rahmenbedingungen es zulassen. Die initiale Einrichtung der Application-Gateway-Infrastruktur erfordert zwar zusätzlichen Aufwand, doch dieser amortisiert sich durch reduziertes Risiko, höhere Flexibilität und bessere Planbarkeit schnell. Das Ergebnis ist eine Migration, die nicht als Kraftakt, sondern als natürliche Weiterentwicklung erlebt wird.

Tobias Hein
Head of DXP
Lassen Sie uns gemeinsam prüfen, ob eine schrittweise Migration mit Application Gateway für Ihr Projekt der richtige Weg ist. Jetzt unverbindlich beraten lassen von unserem TYPO3-Experten!





